Die Schönheit des Vergehens
Es gibt Erfahrungen, nach denen die Welt dieselbe bleibt und doch vollkommen anders aussieht. Ein welkes Blatt wird plötzlich genauso bedeutsam wie eine Blüte. Das Gras einer Lichtung, eine Fliege am Fenster, ein Moskito auf der Haut – selbst das Unscheinbare bekommt Gewicht. Die gewohnte Einteilung in schön und hässlich, wertvoll und störend verliert ihre Selbstverständlichkeit. Für einen Moment zeigt sich das Leben, bevor wir darüber urteilen. Und vielleicht beginnt genau dort Verbundenheit: in der Fähigkeit, etwas anzusehen und sein Dasein gelten zu lassen.
Wer die Welt auf diese Weise betrachtet, begegnet auch dem Vergehen anders. Eine Blume verwelkt. Ein Körper altert. Nähe verändert sich. Menschen kommen und gehen. Schmerz gehört ebenso zu dieser Bewegung wie Freude. Alles Lebendige trägt seine Vergänglichkeit bereits in sich, und gerade darin liegt seine Kostbarkeit. Die Sonne unterscheidet nicht, worauf sie fällt. Sie wärmt die junge Knospe und das vertrocknete Blatt. Sie berührt den Anfang ebenso wie das Ende. Vielleicht können auch wir lernen, dem Leben auf diese Weise zu begegnen: mit einer Achtung, die weniger danach fragt, was uns gefällt, und mehr danach, was wirklich da ist.
Dann bekommt auch das alte Bild von Yin und Yang eine erstaunlich moderne Bedeutung. Das Helle trägt einen dunklen Punkt, das Dunkle einen hellen. In der hellen Welt erscheint die Prinzessin als dunkler Punkt, in der dunklen Welt der König als heller. Beide gehören in dasselbe Bild. Licht gewinnt seine Tiefe durch den Schatten, Leben seine Intensität durch seine Begrenzung. Nichts bleibt in einer einzigen Gestalt. Alles bewegt sich, verwandelt sich, gibt seinen Platz irgendwann an etwas anderes weiter. Vielleicht liegt die Schönheit des Lebens deshalb gerade in seiner Unbeständigkeit. Wir sind für eine Weile hier, mitten in diesem gewaltigen Werden und Vergehen. Und wenn wir das wirklich begreifen, wird selbst ein welkes Blatt zu etwas, an dem wir länger verweilen.
„Die Schönheit des Vergehens“
Handgeschöpftes Büttenpapier 21,5 x 21,5 cm,
Fine-Art-Druck auf Canon Pro-300, Bleistift, Tusche-Fineliner, Aquarellstift, Acrylfarbe, Blattgold


