Das Ganze in mir

Im Laufe meines Lebens, das bis zum heutigen Tag sechsundvierzig Jahre zählt, hat sich vieles ereignet, das mich geformt, erschüttert und gestärkt hat, und auch wenn meine Wege nicht in unbekannte Länder führten, so bin ich doch ein beständiger Entdecker der inneren Gefilde, ein Erforscher jenes unsichtbaren Königreichs aus Bildern, Stimmungen, Emotionen und Gefühlen. Seit jeher trug ich den Drang in mir, die Psychologie des Menschen zu verstehen, um mein eigenes Wesen zu ergründen, zu durchschauen und zu fühlen, wer ich bin.

So gehe ich an einem dieser vielen Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, und lasse die Strömung dieser Gedanken durch mich hindurchfließen, während sich vor meinem inneren Auge ein Bild abzeichnet, das in seiner Ganzheit noch verborgen bleibt, doch in Fragmenten bereits Gestalt gewinnt. Es ist facettenreich, von den Baustellen der Vergangenheit durchzogen, mit visionären Bildern möglicher Zukünfte verwoben, auf mehrspurigen Bahnen in das pulsierende Jetzt hineinführend. Ich spüre, dass es meine Aufgabe ist, dieses Bild zu zeichnen – vielleicht nicht als vollendetes Werk, doch als erste Skizze, die erahnen lässt, was in der Tiefe schon lange lebt.

Wenn mein Blick über diese Skizze gleitet, verdichtet sich das Erlebte zu drei großen Themen, die wie tragende Pfeiler in meinem Fundament stehen. Das erste ist das Ego – jener ungestüme Teil in mir, den ich in meiner ersten Lebensphase bis an seine äußersten Grenzen auskostete, im Taumel der Selbstbehauptung, durchzogen von Sucht und inneren Blockaden, begleitet von Momenten der Erkenntnis und einer ehrlichen Bestandsaufnahme meines Wesens. Das zweite ist der Tod – lange Zeit ein ständiger Begleiter, dessen Gegenwart ich in einer fiebrigen Wachheit spürte, während ich in den Jahren einer hypochondrischen Manie lebte, das Ende suchend und immer wieder im Angesicht seiner Macht verweilend, wie in einem fortwährenden Gespräch mit der eigenen Endlichkeit. Das dritte ist das Herz – der leuchtende Mittelpunkt, an dem sich alle Wege kreuzen, der Dreh- und Angelpunkt jeder tiefen Verbindung, ein Tor zum Erwachen, zur Heilung und zur Führung.

Aus diesem Dreiklang erwächst eine vierte Säule – die physische Verbindung zu Menschen, zu meiner Frau, zu meinen Kindern, zu meiner Familie, zu den Gefährten, die an meiner Seite gehen, mich führen, begleiten und manchmal wieder weiterziehen, wie Reisende auf einem gemeinsamen Weg. Diese vier Säulen sind keine Abschnitte, sondern Kräfte, die auf meinem Fundament ruhen und gemeinsam keinen bloßen Bau, sondern einen Tempel formen.

Mein Tempel ist weit geöffnet, ohne Türen, lichtdurchströmt, auf einem Berg errichtet, von den Gezeiten des Lebens umspült, vom Wechselspiel von Licht und Schatten berührt, offen für das Sein. Auf seinen vier Säulen ruht ein Dach – ein verbindendes Element, das das Ganze hält, jede Säule in ihrer Vollkommenheit wahrnimmt und alles, was durch sie strömt, in stiller Klarheit begleitet. Dieses Dach ist der neutrale Raum, der das Fließen achtet, ohne es zu formen, getragen von einer bewussten Gelassenheit.

So wird es zum Sinnbild meiner übergeordneten Perspektive, zum Auge meines höheren Selbst, das vom Himmel zur Erde und über das Tal blickt, in dem sich das große Ganze offenbart und doch in ewiger Bewegung bleibt. Es ist das Auge der Quelle in mir, das in Liebe, Achtsamkeit, Demut und tiefer Dankbarkeit auf das Leben schaut, wissend, dass alles, was geschieht, durch mich hindurchfließt wie ein heiliger, unaufhörlicher Strom.

„Das Ganze in mir“
Handgeschöpftes Büttenpapier 21,5 x 21,5 cm,
Bleistift, Tusche-Fineliner, Aquarellstift, Blattgold