Sucht – der Endgegner
Sucht erscheint wie ein Gegner, der den Menschen fest im Griff hält. Wie eine innere Macht, der ein einziger Impuls genügt, um Vorsätze zu zerschlagen, Entscheidungen zu überlagern und den eigenen Willen außer Kraft zu setzen. Sie kennt viele Gesichter, verändert ihre Gestalt und findet neue Wege. Kaum glauben wir, eine ihrer Formen überwunden zu haben, taucht sie an anderer Stelle wieder auf. Sie zieht uns zu etwas hin, von dem wir längst wissen, wohin es führt, und lässt uns dennoch danach greifen. Darin liegt ihre Macht: Wir kennen den Ausgang und gehen den Weg trotzdem.
Doch was verändert sich, wenn wir die Sucht nicht länger nur als Gegner betrachten? Solange wir ausschließlich gegen sie kämpfen, bleibt unser Blick auf ihre sichtbare Form gerichtet. Hinter ihr liegt etwas Tieferes: eine Sehnsucht, die nach Ausdruck sucht. Der Drang trägt die Spur eines Gefühls, das uns irgendwann abhandengekommen ist – Nähe, Geborgenheit, Lebendigkeit, Sinn oder Verbundenheit. Für einen kurzen Augenblick scheint die Sucht diesen Mangel zu stillen. Sie berührt die Sehnsucht, doch erreicht ihre Quelle nicht. Deshalb kehrt der Drang zurück und sucht sich einen neuen Weg.
Freiheit beginnt, wenn wir den Blick vom Gegner lösen und dorthin richten, wohin er seit Langem zeigt. Hinter der Sucht wartet keine Schwäche, die besiegt werden will, sondern eine Geschichte, die verstanden werden darf. Dort liegt oft etwas, das wir verloren glaubten und seither im Außen wiederzufinden versuchen. Sobald diese Sehnsucht einen Platz im eigenen Leben bekommt, verändert sich auch die Bedeutung der Sucht. Der Endgegner wird zum Wegweiser. Und aus dem Griff nach dem nächsten kurzen Augenblick kann langsam eine Rückkehr zu dem werden, wonach wir die ganze Zeit gesucht haben.
„Sucht – der Endgegner“
Handgeschöpftes Büttenpapier 21,5 x 21,5 cm,
Fine-Art-Druck auf Canon Pro-300, Bleistift, Tusche-Fineliner, Aquarellstift, Acrylfarbe, Blattgold


