In der Liebe zu bleiben I/II
Das Leben schenkt uns täglich Augenblicke, in denen sich Szenarien wie aus dem Nichts entfalten – manchmal leise, fast unbemerkt, manchmal mit Wucht. Unser Verstand beginnt zu arbeiten, spinnt Möglichkeiten, erschafft Bilder, malt eine Zukunft aus, die sich oft weit entfernt von dem bewegt, was jetzt ist. Und manchmal sind es eben nicht nur harmlose Gedanken, sondern ganze innere Dramen, die sich ausbreiten. Der Verstand verlangt nach Antworten, nach Kontrolle, nach Richtung. Und während er das tut, zieht er uns tiefer hinein in seine Welt – in Vorstellungen davon, wie es sein könnte, was es bedeutet, wohin es führt.
Ein einziger Moment, in dem zuvor noch alles weit und offen erschien, kann sich plötzlich verdichten zu einem inneren Sturm, in dem ganze Welten zu zerbrechen scheinen. Es ist der Moment, in dem das Ego auftritt – nicht als Feind, sondern als Stimme, die alles daran setzt, ihr Selbstbild zu bewahren. Denn dort, wo das Ich sein Imperium errichtet hat – aus Erreichtem, aus Willen, aus Stolz –, wird jede Veränderung zur Bedrohung. Und so führt uns dieser Impuls, dieser Drang zu verstehen, zu deuten, zu entscheiden, manchmal an den Rand unserer eigenen inneren Welt.
So fand ich mich eines Tages inmitten eines jener Szenarien, die sich so extrem anfühlten, dass ich mich ihnen vollkommen hingab. Aus einer Art forschender Offenheit. Ich wollte sehen, was geschieht, wenn ich nicht gegensteuere. Ich überließ dem Verstand den Raum, beobachtete, wohin er mich führt, erlaubte dem Ego, sich zu zeigen. Und was ich sah, erschütterte mich. Da entstand eine Welt in mir, in der alles auf Trennung und Zerstörung ausgerichtet war. Eine Realität, so klar gedacht und zugleich so untragbar, dass mir der Atem stockte. Und dennoch: Ich ging weiter. Ich ging tiefer. Ich ließ mich ein auf dieses absurde Schauspiel meines Innersten.
Und während im Außen alles ruhig blieb, spielte sich in mir ein Aufstand ab – ein inneres Erdbeben, das mein Selbst erschüttern wollte. Ich wusste: Würde ich dem folgen, würde ich es nach außen tragen, dann entstünde daraus etwas Endgültiges. Etwas, das schwer rückgängig zu machen wäre. Und gerade in diesem Moment der Klarheit, inmitten des Chaos, wandte sich mein Blick – wie von einer inneren Kraft geführt – zur anderen Seite. Und da war es: mein Herz. Leuchtend. Wach. Einladend. Einfach da. Und es sagte: Komm zurück.
„In der Liebe zu bleiben I/II“
Handgeschöpftes Büttenpapier 21,5 x 21,5 cm,
Bleistift, Tusche-Fineliner, Aquarellstift, Blattgold


