Der Schatten

Wir nennen ihn Angst, Wut, Traurigkeit, Dämon, weil Namen Abstand schaffen. Dann bauen wir Türen in uns, verriegeln Räume und erklären das Helle zum Leben. Doch der Schatten bleibt Bewohner unseres Hauses. Er zieht durch die stillgelegten Zimmer, taucht in Träumen als fremder Flur auf, als verschlossene Kammer, als vertraute Wohnung mit einem Raum, den wir seit Jahren meiden. Manchmal hämmert er gegen die Wände, manchmal spricht er durch unsere Wunden. Vielleicht will er uns weniger erschrecken als erinnern: Hier fehlt etwas von dir.

Was geschieht, wenn wir die Klinke drücken? Wenn wir diesen Raum betreten, langsam, wach, mit einer Liebe, die auch im Dunkeln sehen kann? Vielleicht sitzt dort unsere Angst und wartet seit unserer Kindheit auf eine Berührung. Vielleicht trägt die Wut eine Kraft, die einst keinen anderen Ausgang fand. Vielleicht bewacht die Traurigkeit etwas Kostbares, das wir verloren glaubten. Der Schatten verlangt keine Vernichtung. Er verlangt Begegnung. Sieh mich. Fühl mich. Hör mir zu. Denn Selbstliebe endet dort, wo wir beginnen, Teile unserer selbst aus dem eigenen Tempel zu verbannen.

Der Weg in diese Räume braucht Mut und manchmal eine Hand, die uns begleitet, denn manche Tiefen besitzen ihre eigene Schwerkraft. Doch wer ihnen mit Achtsamkeit begegnet, kann etwas Größeres finden als Licht: Ganzheit. Vielleicht besteht Erwachen weniger darin, immer heller zu werden, als darin, den Radius unserer Liebe zu erweitern. Bis sie selbst jene Orte erreicht, an denen wir uns einst verlassen haben. Dann wird aus dem Schatten kein Feind und aus der Dunkelheit kein Gefängnis. Sie wird ein Zimmer unseres Hauses. Wir öffnen die Fenster. Wir lassen Leben hinein. Und plötzlich verstehen wir: Auch die Nacht gehört zum Himmel.

„Der Schatten“
Handgeschöpftes Büttenpapier 21,5 x 21,5 cm,
Fine-Art-Druck auf Canon Pro-300, Bleistift, Tusche-Fineliner, Aquarellstift, Acrylfarbe, Blattgold