Eine Geschichte vom Aufstieg IV/VIII
„Schwelle – Selbstachtung durch Annahme“
Aus der Stille hebt sich Bewegung, zunächst kaum wahrnehmbar, dann deutlicher. An der Schwelle begegnet der Mensch seinen frühen Prägungen, jenen inneren Bildern und Empfindungen, die sich einst geformt haben und bis heute im Körper nachklingen. Eine Schaukel erscheint, gehalten von langen Seilen, die im Raum verschwinden. Auf ihr sitzt ein Kind, ein früheres Ich, fern und zugleich vertraut. Mit jedem Vor- und Zurückschwingen öffnet sich eine Schicht Erinnerung. Zittern liegt darin, ein tastendes Greifen, ein Gefühl von Ausgesetztsein, das sich tief im Inneren niedergelassen hat.
Vor mir lodert ein Feuer, archaisch und wach, Träger der Kraft, die Wandlung ermöglicht. Mit dem Schwung nach vorn verdichtet sich Empfinden, mit dem Zurückschwingen öffnet sich Weite. Ich stehe am Punkt zwischen Nähe und Abstand, zwischen dem, was war, und dem, was sich zeigen will. In diesem Zwischenraum wird die Schwelle spürbar, als Einladung zur Begegnung. Aus dem Feuer tritt eine Gestalt hervor, glühend und klar. Ihre Präsenz ist unverstellt, getragen von aufrichtiger Kraft. In ihrem Blick liegt der Wille zur Wahrheit. Sie steht da, ohne Forderung, und doch richtet sich alles an ihr aus.
Im Schwung fasse ich den Mut, setze mich neben das Kind und lege die Arme um seinen Körper. Der Atem findet einen neuen Rhythmus. In dieser Umarmung geschieht Annahme. Angst löst ihre Starre, und das Feuer wandelt seine Qualität. Hitze wird Bewegung, Bewegung wird Lebendigkeit. Die Schaukel trägt höher und weiter, bis an den Scheitelpunkt des Schwungs. Dort lassen wir los und springen gemeinsam in die Glut. Die Flammen umhüllen uns, durchdringen uns, und in ihrem Licht vereinen sich jene Anteile, die einst getrennte Wege gingen.
Die Erkenntnis dieses Schrittes wird klar: Selbstachtung entsteht dort, wo Anteile angenommen und integriert werden. Die Schwelle wird überschritten, indem ich mich selbst halte. Aus der Glut heraus gehe ich weiter, erinnert und gerufen von einem Weg, der noch tiefer nach innen führt.
„Eine Geschichte vom Aufstieg IV/VIII“
Handgeschöpftes Büttenpapier 21,5 x 21,5 cm,
Bleistift, Tusche-Fineliner, Aquarellstift, Blattgold


